Ein Verband auf dem Weg in die Zukunft - Arno Ortmair über die kurz- und langfristigen Aufgaben des Produzentenverbands VDFP und seinen Abschied vom Vorstandsvorsitz

Der VDFP ist der älteste überregionale deutsche Produzentenverband und ist in allen wesentlichen Gremien, Institutionen, Branchenverbänden und Fachausschüssen national und international vertreten.1966 als Kinofilmproduzentenverband gegründet hat er seitdem fast alle wesentlichen Institutionen für die deutschen Filmproduzenten mit ins Leben gerufen: die FFA, die SPIO, die VGF oder GERMAN FILMS und die Murnau-Stiftung. Unsere Mitglieder sind ausschließlich unabhängige Produzenten.

Wie ist unser Selbstverständnis, was macht den modernen Produzenten aus? Als mich vor Kurzem beim Deutschen Filmball ein offensichtlich branchenfremder Gast fragte, was eigentlich ein Produzent tue, wurde mir klar, dass er ein wesentliches Problem unseres Berufs ansprach. Schauspieler und Regisseure kennt jeder, in den seltensten Fällen ist aber auch der Name des Produzenten geläufig. Produzenten sind hierzulade nicht wichtig. Als ich meinem Gegenüber erklärte, dass der Produzent ständig nach neuen Filmstoffen sucht, mit Autoren Drehbücher entwickelt, für die Umsetzung und Ausgestaltung des Films verantwortlich ist und Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, und das ganze Kreativteam zusammenfügt und darüber hinaus für die Finanzierung, Organisation, das künstlerische Ergebnis sowie die Vermarktung verantwortlich ist, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mir dagegen stellte sich die Frage, warum die Wertschätzung der Produzenten hierzulande so gering ist.

Nun geht es nicht darum, dass wir Produzenten Anerkennung um der Anerkennung Willen einfordern. Kinobesitzer wünschen sich aber seit langem größere und erfolgversprechendere deutsche Kinofilme um den Rückgang der amerikanischen Produktionen auszugleichen. Große Filme erfordern aber auch große Produzentenpersönlichkeiten. Aber wie sollen Produzenten Großes kreieren, wenn sie ständig dazu angehalten werden, klein zu denken? Hier muss ein Umdenken stattfinden. Bei den Verhandlungen mit der ARD ist dies zum Teil schon gelungen. Die Verhandlungserfolge der letzten Jahre basieren auf der Erkenntnis, dass gegenseitige Wertschätzung die Grundlage für beiderseitigen Erfolg ist. Aber ansonsten eröffnet das Branchenumfeld den Produzent kaum Chancen, aus eigener Kraft zu wachsen und sich ausreichend zu kapitalisieren.

Die deutschen TV- und Kinoproduzenten stehen nicht nur am Ende der Wahrnehmungs- sondern eben auch am Ende der Verwertungskette. Obwohl der Produzent, die gesamte Entwicklungsleistung, das Herstellungs- und finanzielle Risiko trägt, ist er als Letzter am Erlös beteiligt, während Kinos und Verleih ihren Einsatz bereits refinanziert und Gewinne erwirtschaftet haben. Das ist kein Vorwurf, sondern der Hinweis auf Rahmenbedingungen aus der analogen Zeit, die dem Wunsch nach erfolgreicheren Produzenten und großen Filmen entgegensteht.

Deshalb hatten die Produzenten bei der FFG Novellierung einen Erlöskorridor von 5-10% gefordert, der aber unverständlicherweise von den Verwerten abgeschmettert wurde.

Doch auch das Ansinnen der Sender die Auswertung in den Mediatheken auf drei Monate und mehr zu verlängern, wirkt dem entgegen. Ohne adäquate Abgeltung der Onlinerechte verlieren die Produzenten eine wichtige Einnahmequelle auch wenn die Erlöse aus der Videoverwertung auf den ersten Blick klein erscheinen mögen: 30-50.000 Euro Minimumgarantie für VIDEO/VOD sind viel, wenn man sie nicht hat und dringend benötigt, um Projektkosten oder neue Entwicklungen zu decken

Darüber hinaus stehen die unabhängigen Produzenten zunehmend durch die Globalisierung des Film- und Fernsehmarktes vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Globale Player wie Google, Amazon oder Netflix diktieren mit neuen Geschäftsmodellen zunehmend den Markt. Dabei fokussieren sie auf große, kapitalstarke Player, die aufwändige Serien- und Filmentwicklungen vorfinanzieren und „screentime“ und Erfolge liefern können. Unabhängige Produzenten mit geringem Eigenkapital und Einzelprojekten haben da nur geringe Chancen.

Der Wandel des Medienmarktes bedeutet deshalb auch für den VDFP eine große Herausforderung. Neben den aktuellen Alltagsthemen wie ARD/ZDF Eckwertevereinbarungen, Anpassung des FFG an digitale Veränderungen, Harmonisierung der Förderbedingungen, die Novellierung des Urheberrechts oder der Digital Single Market, müssen wir neue Businessmodelle und Marktstrukturen finden, die das Überleben der unabhängigen Produzenten und die kreative und kulturellen Vielfalt des Kinofilm sichern. Dies wird nicht leicht.

Die Forderung der Kinobesitzer nach mehr erfolgreichen Kinofilmen ist ernst zu nehmen. Es fehlt dem deutschen Film aber nicht an Klasse sondern vorwiegend am Geld für ein erfolgreiches Marketing. Hervorragende Filme werden deshalb oft nicht ausreichend beworben, und der deutsche Film als Marke schon gar nicht. Dazu könnte das Fernsehen einen elementaren Beitrag leisten. Denn obwohl die Sender erfreulicherweise in Filmfördertöpfe einzahlen und sich an Co-Produktionen beteiligen, werden die meisten Filme stiefmütterlich behandelt und weitgehend unauffindbar und zu schlechten Sendezeiten versendet. Würde man dem deutschen Kinofilm z.B. einen regelmäßigen, fixen wöchentlichen Sendeplatz in der 2nd Primetime einräumen und das generelle Interesse der Zuschauer für das Kino und seine Stars in begleitenden Sendungen wecken, würde dies den deutschen Kinofilm immens fördern.

Es braucht aber nicht nur kommerziell erfolgreiche Filme. Das deutsche Kino benötigt gleichermaßen den künstlerisch hochwertigen Film. Überraschende, mutige, verstörende Filme, die Neues kreieren und vielleicht die Filmsprache von Morgen sind. Aus meiner Sicht gibt es nicht zu viele Filme die gefördert werden, wie manche klagen. Es gibt nur zu viele Filme die ins Kino gedrückt werden, auch wenn sie klar erkennbar nicht gut gelungen sind. In Amerika gehen Filme die keinen Erfolg versprechen direkt in die Zweitverwertung wie Pay TV, Free TV, VOD etc.. Deshalb haben wir sehr dafür gekämpft, dass dies auch in Deutschland möglich wird. Ein erster Erfolg ist, dass jetzt zumindest ein Film eines Produzenten einmal in 5 Jahren direkt in die Zweitverwertung gehen kann wenn er sein Ziel nicht erreicht.

Last but not least ist für den VDFP die Teilnahme der deutschen Produzenten am internationalen Markt ein sehr wichtiges Thema. Aktive und passive Koproduktionen sind ein zentraler Wirtschaftsfaktor für die unabhängigen Produzenten, bei dem sie auch internationales know how sammeln. Obwohl Deutschland eine ausgezeichnete Förderlandschaft vorweisen kann, haben es englischsprachige, international angelegte Produktionen schwer, gefördert zu werden. Hier könnte eine Justage der Förderrichtlinien viel bewirken. Allein die Aufhebung des Verleihzwangs für ausländische Produktionen würde viele Produktionen nach Deutschland bringen und für zusätzliche Beschäftigung sorgen.

All diese Themen adressiert der Verband in den entsprechenden Gremien und gegenüber den Entscheidern in Politik, Förderanstalten und Verwaltung. Es ist uns gelungen, den VDFP wieder zu einer relevanten und gehörten Größe innerhalb der deutschen Filmbranche zu machen. Das Wachstum und der zunehmende Einfluss bedeutet aber auch, dass der Verband nicht mehr nur ehrenamtlich und im Wesentlichen von ihrem Vorstandsvorsitzenden geführt werden kann. Meine Aufgaben werden deshalb künftig auf mehrere und jüngere Schultern verteilt.

Ich selbst werde mich aus dem Vorstand zurückziehen und mich mit großer Freude und Kraft wieder auf meine produzentischen Aufgaben und Projekte konzentrieren. Es war eine Ehre dem Verband Deutscher Filmproduzenten so viele Jahre vorstehen zu dürfen und das Vertrauen der Mitglieder und Branchenkollegen gehabt zu haben.

Gleichwohl: ganz werde ich mich nicht von der Medienpolitik verabschieden. Dazu gibt es für mich zu viele interessante und spannenden Themen und liebgewordene und geschätzte Kollegen und Branchenvertreter mit denen sich etwas bewegen lässt.

Arno Ortmair

Der Text wird als Gastbeitrag in Blickpunkt:Film veröffentlicht.